Vom zusammen Lesen

Zusammen ist man weniger allein. Lesen kann man alleine, im Sitzsack hinter der Ecke des Schranks, kuschelig im Bett oder stilvoll im Ohrensessel, man kann seine Leseerlebnisse teilen, indem man Abschnitte oder ganze Bücher anderen vorliest, man kann sich auch zusammensetzen und über das Gelesene diskutieren. Gerade sitzen in der Leseecke der Schülerbücherei 14 FünftklässlerInnen mit einer buntgemischten Literaturauswahl von „Gregs Tagebuch“ über „Lotta Leben“, „Schülerwitze“, „Dein Spiegel“, dem „Guinness Buch der Rekorde“, „Die Gletschermumie“, „Voll eklig!“ bis zu „Was Jungs wissen wollen“. Gelächter, Getuschel, Diskussionen, ein bisschen lautstark ab und zu, das macht aber momentan nichts, es sind keine Schüler mit Lernaufträgen da.

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Die „Social Reading-Plattform der Schülerbücherei, beim Ertönen des Schulgongs hastig verlassen…

Ein anderes Beispiel ist der Tolkien Lesetag , der jedes Jahr am 25. März, dem Jahrestag des Sturzes von Sauron und nach Erlass des Königs Elessar Erster Tag des Neuen Jahres, stattfindet. Hier treffen sich Freunde der Werke von J.R.R. Tolkien an verschiedenen Orten zum gemeinsamen Lesen. So geht „social reading“! Das „social reading“ im Internet ist dagegen eine – zumindest physisch – einsame Angelegenheit. Auch wenn man sich über Bücher austauscht und Empfehlungen bekommt, es ist doch etwas ganz anderes, wenn man über Bücher reden kann, anstatt darüber zu schreiben und zu lesen.

Nichts desto weniger ist Goodreads eine Plattform, auf der man stundenlang den gewundenen Pfaden des Algorithmus folgen kann. Angemeldet und vier verschiedene Genres eingegeben, die meinem persönlichen Geschmack und meinen Aufgaben in den Schülerbüchereien unserer Stadt entsprechen. Die Bewertung einiger der mir bekannten vorgeschlagenen Bücher führte zu immer neuen Vorschlägen. So führte im Genre Fantasy (!) die positive Bewertung von Terry Pratchetts „Mort“ (deutscher Titel „Gevatter Tod“) zu den „131/2 Leben des Käpt’n Blaubär“ von Walter Moers, dies wiederum zu den „Känguru-Chroniken“ von Marc-Uwe Kling, dann über „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ von Jan Weiler zu Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“, um schließlich nach einem Abstecher bei Bastian Sick („Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“) bei „Verbrechen“ von Ferdinand von Schirach zu landen. Witzig! Alle diese großartigen Bücher habe ich mit Freude gelesen, nun war ich doch sehr gespannt auf die Vorschläge, die mir Goodreads nun machen würde! Und da waren sie, die Top 5 Lesevorschläge aus dem Genre Fantasy: Brian Sanderson „Elantris“, Michael Ende „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, Joe Abercrombie „The Blade itself“ (deutsch „Kriegsklingen“), Mary E. Pearson „The Kiss of Deception“ („Der Kuss der Lüge“) und – ta daaah! – Otfried Preußler „Der kleine Wassermann“. Was halte ich nun von diesen Vorschlägen? Eigentlich ganz witzig. Das „Goodreads“ englischsprachig ist, stört mich nun nicht, da ich selbst Bücher lieber im Original lese als in der (manchmal grausam schlechten bzw. gleichgültigen) Übersetzung. Die Verknüpfung mit Amazon stört mich jetzt auch nicht so, da man ja weiß, mit wem man es zu tun hat –

qualityland1 „The Shop“ gehört zum täglichen Leben schon fast dazu, der Algorithmus beginnt, uns komplett zu entschlüsseln, wir sind vom Qualityland zwar noch ein wenig entfernt, aber auf dem besten/schlechtesten Weg dahin. Ironie: Die Känguru-Chroniken des „Qualityland“-Autors Marc-Uwe Kling wurden mir ja auch vorgeschlagen…

Nach der Anmeldung bei „Lovelybooks“ wurde ich binnen eines Tages gleich von zwei Autoren angeschrieben, die ihre neuesten Werke bekannt machen wollten. Überhaupt sind Autoren sehr präsent, ich erwähne nur die Leserunden und die spezielle Rubrik „Autoren“. Bei einem Blick auf die meistgelesenen Autoren fällt auf, dass unter den ersten 12 genannten 7 Damen sind, die eher Junge Erwachsene, weiblich, als Zielgruppe haben. Sehr nett finde ich die Idee des Literatursalons, allerdings fürchte ich, dass es mir hier für eine Beteiligung an Zeit und Konstanz fehlt. Insgesamt eine Plattform, die die Nutzer direkt anspricht und zum Mitmachen anregt, aber eigentlich in ihrer unterschwelligen Aufdringlichkeit nicht mein Ding ist, für mich ist da Goodreads passender.

Was ich von Sobooks halten soll, ist mir noch nicht ganz klar. Sehr trocken, viele Sachbücher, die gemeinfreien Klassiker sind ja ganz schön, erinnern mich jetzt aber ganz stark an die Schule, an den anderen vorgestellten Büchern klebt überall gleich ein Preisschild, die Leser, die dort Kommentare hinterlassen, scheinen doch eher der leserischen Elite anzugehören. Kein Portal für den schlichten Feld-, Wald- und Wiesenleser.

Für die Büchereien bieten die Portale Goodreads und Lovelybooks sicher die Gelegenheit, einmal vor dem Einkauf das Ohr an den Puls der großen Lesewelt dort draußen zu legen, um Entwicklungen in Leseverhalten und Vorlieben des Lesevolks nicht zu verpassen.

Titelbild: „Reading together“ von Stuart Rankin ( Internet Archive Book Images Photostream on Flickr CC BY-NC 2.0)

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