Von der weiten Welt der Fantasie

Weltenbauen – endlich ein Thema, in dem ich zuhause bin – und zwar so lange ich lebe, glaube ich. Die erste Welt, die ich mir gebaut habe, war der „Wilde Westen“, lange Zeit stammten meine täglichen Gute-Nacht-Geschichten aus den Büchern Karl Mays. Indianer, Trapper, wilde Pferde, Grizzlybären und Bisons bevölkerten nicht nur meine Fantasie, sondern auch mein Kinderzimmer.  Die Firma Hausser lieferte außer den „Elastolin“-Tieren, -Indianern, -Cowboys und so weiter, tatsächlich auch Winnetou, Old Shatterhand, Intschu-tschuna, Sam Hawkins und alle anderen Protagonisten der Karl-May-Bücher, so dass ich mir meine Welt selbst bauen konnte, komplett mit Tipis, Forts und elektrisch beleuchteten Lagerfeuern.

Heute werden die Welten nicht mehr analog gebaut, sondern digital, teilweise auch nicht mehr wirklichkeitsgetreu, sondern in Klötzchenform. Obwohl…. Legosteine hatte ich als Kind auch schon, mit denen ich alles mögliche baute, Quader in rot und weiß, andere Farben gab es noch nicht, die Vielfalt der modernen Legoserien war noch Lichtjahre entfernt – etwa genau so weit, wie die Raumpatrouille von Star Wars. Und da High Fantasy und Science Fiction die Genres sind, denen ich verfallen bin, habe ich natürlich als Kind alle 7 Folgen der „phantastischen Abenteuer des Raumschiffs Orion“ angeschaut, später alle (!!!) Folgen Von Raumschiff Enterprise, Star Trek – The Next Generation (Das nächste Jahrhundert) und Star Trek – Deep Space Nine, habe im März 1978 zu nächtlicher Stunde mit einem Freund „Star Wars“ in der Originalfassung gesehen (und seither alle Star-Wars Filme) und konnte mich in den Siebziger Jahren nicht der Magie der „Grünen Bücher“ entziehen. Die Welt des „Herrn der Ringe“ von John R. R. Tolkien ist seit über 40 Jahren häufig auch die meine, „Thorin Eichenschild“ ist nicht von ungefähr mein social media-Avatar, mittlerweile stehen alle Ausgaben inclusive des englischsprachigen Originals neben dem „Hobbit“, dem „Silmarillion“, den „Nachrichten aus Mittelerde“ und diversen anderen Veröffentlichungen in meinem Bücherregal, auch das MMORPG  (Massively Multiplayer Online Role Playing Game) LotRO (HdRO, Der Herr der Ringe Online) spiele ich seit vielen Jahren regelmäßig.

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HdRO: Thalianors erster Blick auf Seestadt.

Dementsprechend sind mir all die Plattformen, die sich mit Tolkiens Welt beschäftigen, gut bekannt, auch wenn ich nie den Drang hatte, selbst an den Geschichten und den Welten weiterzubauen. Dies hat der Professor selbst so akribisch getan, dass sein literarischer Nachlass alles umfasst, was eine Welt ausmacht: Schöpfungsgeschichte, Götter, Halbgötter, Geschichten über das Entstehen und den Untergang von Kulturen und Völkern, mehrere detailliert erarbeitete Sprachen und Schriften und vieles andere mehr. Natürlich hatte ich auch „A Song of Ice and Fire“ bereits längst gelesen, als HBO die grandiose Fernsehserie startete, die die Buchreihe ja längst überholt hat, so dass auch ich nun nervös nägelkauend jeder neuen Staffel, ja jeder neuen Folge entgegensehe. Auch an Westeros und Essos muss ich persönlich nicht weiterarbeiten, auch hier war Herr George R. R. Martin (hmm, schon wieder R. R.) sehr sorgfältig. Allerdings sind die Fanseiten und Wikis zum „Lied von Eis und Feuer“ aka „Game of Thrones“ fast ebenso reichhaltig wie die zum Herrn der Ringe. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass hier jeweils die Bücher Ausgangspunkt der Weltenentwicklung waren, während es im Falle der Science Fiction- bzw. Science Fantasy-Reihen Star Trek und Star Wars erst nachträglich Romane, Comics und Sachbücher gab, die bis heute die Geschichten immer weiter spinnen, Lücken füllen und neue Ideen geben.

Das Weltenbauen beim Klötzchenspiel „Minecraft“ ist essentiell. Hier wird der Spieler mit einer nur schlicht bekleideten Figur (Modell „Steve“, seit 2014 auch „Alex“) in eine unbekannte, feindliche Welt geworfen, in der er sich behaupten und die er nach und nach erobern und ausbeuten muss.

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Gothic Castle by Planet Minecraft Project Castle Svebosin

Die Evolution beginnt hier etwa auf Steinzeitniveau mit dem Fällen von Bäumen und endet bei automatisch laufenden Maschinen in großen Städten. Dieses Computerspiel ist also „Weltenbauen“ pur, was ich auch immer mal wieder zwischendurch gerne tue. Die unglaublich komplexen Vielspielerwelten, in denen Kathedralen, moderne Städte und auch  Mittelerde  und Westeros inzwischen „nachgebaut“ wurden, sind nicht mein Ding, das verschlingt einfach zuviel Zeit. Hogwarts aus Minecraftblöcken nachzubauen stelle ich mir alptraumhaft vor…

Da spiele ich lieber gute alte Gesellschaftsspiele, wie zum Beispiel „Ankh Morpok“ oder „Die Hexen“. Wie? Das klingt nach „Scheibenwelt“? Ja, so ist es. Zum Einen baut, lebt und kämpft man in Ankh-Morpokh, zusammen mit den Professoren der Unsichtbaren Universität, der Wache oder den vielen kleinen und großen Ganoven der Hauptstadt (meine Lieblingsfigur ist „Treibe mich selbst in den Ruin – Schnapper“), zum Anderen erlebt man die Welt von Tiffany Weh, Oma Wetterwachs und den anderen Hexen der Scheibenwelt. Alle Figuren kennt man aus den Büchern von Terry Pratchett – um hier nicht den Überblick zu verlieren, empfiehlt sich durchaus ein Blick ins DiscWiki . Auf der Scheibenwelt ist das Weiterspinnen und Neuerfinden von Geschichten durchaus sehr ergiebig und wird von einigen Fangruppen auch im Internet betrieben, ich denke da beispielsweise an Die Stadtwache . Von solchen ganz speziellen Themenspielen einmal abgesehen sind Spielemacher oft auch Weltenbauer (Beispiel Elfenland ), oder aber sie überlassen das Weltenbauen dem Spieler z. B. ( Queendomino ).

Die Paralelluniversen von „Twilight“ oder „Die Tribute von Panem“ sind da eine ganz andere Geschichte. Hier kann man weniger „Welten“ bauen als Geschichten darum herum erfinden, Fanfiction halt. Das gleiche gilt beispielsweise für die Romanreihen von J. R. Ward, zu deren Serien es ebenfalls einiges an Geschichten gibt, die von Lesern beigesteuert wurden. Erstmals ist mir dieses Phänomen bei den Romanen von Marion Zimmer Bradley aufgefallen, deren Darkover-Zyklus und die Avalon-Reihe von ihren Freunden und Anhängern weiter gesponnen wurden. Diese Art der Beschäftigung mit den Werken von Autoren  kann ich gut verstehen. Ist es nicht so, dass ein Buch, eine Buchreihe, viel zu bald zu Ende ist? Dass die Geschichte endet, ehe man sie verlassen möchte? Hier setzt die Fantasie ein, beginnt das Weltenbauen im Internet, das eine Diskussion mit anderen über das Thema erlaubt und das Publizieren eigener Ideen darüber, wie die Geschichte weitergeht, was noch hätte passieren können, möglich macht.

Will man eine eigene Welt erschaffen, eigene Figuren erfinden, Abenteuer schmieden, so könnte die Bibliothek ein Startpunkt sein. Nicht nur  die vielen Romane, die alle eine Welt in sich darstellen oder die Ratgeber zum Thema Schreiben, nein auch ganz praktisch als Veranstalter von Autorenlesungen, Workshops und Erzählcafés. So bot zum Beispiel Jens Schumacher am 11.08.2011 einen Workshop in unserer Stadtbücherei an, in dem Jugendliche nicht nur Namen für selbst erdachte Fantasy Figuren finden sollten, sondern als Ausgangspunkt für eine eigene Geschichte eine  imaginäre Welt erfinden und eine möglichst detailgenaue Karte davon zeichnen und alle wesentlichen Punkte darauf benennen sollten. Demnächst wird das Weltenbauen in der Stadtbücherei mit dem Angebot einer Runde des Pen-and-Paper-Rollenspiels „Das Schwarze Auge“ weitergehen…

Das Beitragsbild ist „The Great A’Tuin Star Turtle“ CC BY 2.0 by Lamerie